Autonomes Handeln – politisch umkämpft. Warum waren religiös verfolgte Minderheiten so wichtig für die Herrlichkeiten?

Von: Stephan Horschitz

Die Ansiedlung und Besteuerung lediglich geduldeter Bevölkerungsgruppen in Neustadtgödens war für die Besitzenden der kleinen Herrlichkeit Gödens von elementarer Bedeutung. In dem kleinen Flecken lebten selbst in seiner Blütezeit um 1740 nur etwas mehr als 500 erwachsene Personen, die das Steueraufkommen des Ortes trugen.[1]  Für die gesamte Herrlichkeit dürften es kaum mehr als 800 Menschen gewesen sein. Ein Fortbestehen dieses winzigen Territoriums hing also davon ab, inwieweit die jeweiligen Verantwortlichen auf Schloss Gödens positive Anreize für potenziell Ansiedlungswillige schufen. Daneben musste aber auch sichergestellt werden, wie sich die Herrlichkeit politisch gegen ein ungleich größeres Ostfriesland behaupten konnte. Die Legitimation, ein eigenes Territorium zu verwalten und über dessen Bewohner zu herrschen, bezogen die auf Schloss Gödens regierenden Familien aus einem umstrittenen Recht, was ihnen in Fragen der Gerichtsbarkeit, des Eigenkirchenwesens und der Steuerhoheit eine Eigenverantwortlichkeit einräumte. Die Irritationen über die rechtlichen Zuständigkeiten zwischen der zentralen Regierung in Aurich und den Herrlichkeiten, waren mit der Erhebung des ostfriesischen Häuptlings Ulrich Cirksena in den Reichsgrafenstand im Jahre 1464 und der Belehnung Ostfrieslands als Reichsgrafschaft entstanden.

Zwischen Synagoge, Solidarität und Selbstbehauptung –jüdische Vereinigungen und Vereine in Ostfriesland

Von: Matthias Süßen

In den jüdischen Gemeinden Ostfrieslands spielte das Vereinswesen eine zentrale Rolle im religiösen, sozialen und kulturellen Alltag. In einer Region, die durch kleinstädtische Strukturen, dörfliche Gemeinschaften und weite ländliche Räume geprägt war, wurden diese Vereine zu wichtigen Stützen des Gemeindelebens. Sie förderten den Zusammenhalt innerhalb der jüdischen Bevölkerung, ermöglichten Bildungsangebote, unterstützten Bedürftige und vermittelten religiöse Inhalte. Besonders in Städten wie Emden, Leer, Aurich oder Norden, aber auch in kleineren Orten wie Bunde, Dornum oder Weener entstand seit dem 19. Jahrhundert ein breites Vereinsleben, das das jüdische Leben vor Ort maßgeblich prägte – bis die nationalsozialistische Verfolgung in den 1930er-Jahren das Vereinsleben zerstörte. Neben der Mitgliedschaft von Jüdinnen und Juden in den christlich dominierten Vereinen ihrer Heimatorte bildeten die rein jüdischen Vereine eine weitere Säule ihres gesellschaftlichen Engegements.

Antijudaismus am Beispiel des historischen Ostfrieslands

Von: Kai Beitelmann

Was ist eigentlich Antijudaismus?

Die Untersuchung der Geschichte der Judenfeindschaft erfordert eine präzise Differenzierung der Begriffe Antijudaismus und Antisemitismus, um die historischen Phänomene adäquat erfassen zu können. Die Frühe Neuzeit ist primär durch Erscheinungsformen des Antijudaismus geprägt. Dieser wurzelte tief in religiösen, wirtschaftlichen und sozialen Antagonismen und manifestierte sich in vielfältiger Weise. Der Begriff Antisemitismus, der eine modernere neuzeitliche Judenfeindschaft beschreibt, welche sich insbesondere seit dem späten 19. Jahrhundert formierte, kann für die Frühe Neuzeit nur mit äußerster Vorsicht und unter genauer Definition seiner spezifischen Bedeutung verwendet werden. Ältere Formen der Judenfeindschaft können jedoch als dessen Vorläufer und Nährboden betrachtet werden.

Integration und Abgrenzung der jüdischen Gemeinde Neustadtgödens am Beispiel von Vereinen

Von: Stephan Horschitz

Die Entstehung des modernen Vereinswesens veränderte auch das jüdische Leben in Neustadtgödens nachhaltig. Mit dem wachsenden bürgerlichen Selbstbewusstsein, wirtschaftlichem Aufschwung und gesellschaftlicher Teilhabe fanden jüdische Bürger ihren Platz in Schützen-, Feuerwehr- und Kriegervereinen – oft in führender Position. Doch die Blütezeit dieser Teilhabe war begrenzt. Politische Umbrüche, wirtschaftliche Verwerfungen und zunehmender Antisemitismus ließen die jüdische Vereinskultur bis in die 1920er Jahre nahezu verschwinden. Der Beitrag zeigt, wie eng Vereinsgeschichte und Emanzipation miteinander verwoben waren – und welche Spuren jüdischen Engagements bis heute sichtbar bleiben.

Zeitzeugengespräch mit Albrecht Weinberg

Von: Matthias Süßen

Albrecht Weinberg ist einer der letzten Holocaust-Überlebenden aus Ostfriesland. In diesem bewegenden Zeitzeugengespräch in der ehemaligen Jüdischen Schule Leer schildert er seine Kindheit in Deutschland, die Verfolgung durch die Nationalsozialisten, die Deportation in Konzentrationslager und seinen Überlebenskampf. Er berichtet von seiner Flucht, dem schwierigen Neuanfang in den USA und seiner Rückkehr nach Deutschland. Gleichzeitig warnt er vor aktuellen politischen Entwicklungen und dem Wiederaufleben des Antisemitismus.

Jüdische Identität: Mehr als nur Religion

Von: Ernst Sittig

In verschiedenen Publikationen wird oft über die „jüdische Religion“ oder den „jüdischen Glauben“ gesprochen. Doch auch Bilder von Synagogen und Friedhöfen sowie der koschere Metzger sind Ausdruck von Religion. Das ist verständlich, denn wenn wir das jüdische Leben in Ostfriesland betrachten, sind dies die einzigen Spuren, die noch übrig sind.

Erster Weltkrieg – Anfang vom Ende

Die nationale Euphorie, die der Beginn des Ersten Weltkrieges in Deutschland entfachte, wurde auch von den jüdischen Organisationen getragen, wie der Aufruf des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens zeigt. Quelle: Bildarchiv Jüdischer Kulturbesitz, Berlin

Von: Stephan Horschitz

Seit ihrer bürgerlichen Gleichstellung dienten auch jüdische Männer in den deutschen Armeen. Für die männliche jüdische Bevölkerung Neustadtgödens finden sich bereits seit den 1870er Jahren Musterungs- und Einzugsbescheide in die umliegenden preußischen Regimenter.[1] Der starke Einfluss der Antisemiten im Militär machte es seit der Mitte der 1880er Jahre jüdischen Soldaten jedoch unmöglich, eine militärische Karriere zu machen, sodass sie z. B. nicht in den Offiziersrang aufrücken konnten. Kaiser Wilhelm II. hatte diese Entwicklung noch unterstützt, indem er 1890 eine Verordnung herausgeben ließ, in der nur solche Bewerber „aus bürgerlichem Hause“ in Betracht gezogen werden sollten, „in denen neben der Liebe zu König und Vaterland eine christliche Gesittung gepflegt und anerzogen würde.“[2] Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 bewirkte eine Welle des Patriotismus, der auch von jüdischen Interessenverbänden getragen und gefördert wurde.

Wie Compact Memory die Forschung zu Ostfrieslands jüdischer Geschichte erleichtert

Von: Matthias Süßen

Die Erforschung jüdischer Geschichte ist oft ein Puzzle aus verstreuten Quellen, Dokumenten und Artefakten. Insbesondere, wenn es um kleinere jüdische Gemeinden geht, wie jene, die einst in Ostfriesland beheimatet waren, wird die Recherche schnell zu einer Herausforderung. Genau hier setzt das Projekt Compact Memory an: eine digitale Sammlung von unschätzbarem Wert, die den Zugang zu einer Vielzahl historischer jüdischer Periodika eröffnet und Forschenden sowie Interessierten umfassende Einblicke in die jüdische Vergangenheit ermöglicht.